Chossn Kalah Mazel Tov

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kurzer geschichtlicher Überblick

Die Quellen des Klezmer liegen in Osteuropa, in den vom Baltikum über Polen, Weissrussland, Ungarn, Russland, der Ukraine bis hinunter in den Balkan verstreut liegenden jüdischen Dörfern und Stedl. Dorthin waren im ausgehenden Mittelalter nach schrecklichen Verfolgungen und Pogromen im 14. Jh. die Aschkenasim, die im deutschsprachigen Mitteleuropa lebenden Juden, geflohen, wo sie willkommen waren. Dabei hatten sie natürlich ihre Sprache, das Deutsch, das man zu dieser Zeit sprach, mitgenommen; wobei sich ihr Deutsch schon vor ihrer Auswanderung nach Osteuropa vom Deutsch der nichtjüdischen Bevölkerung etwas unterschieden hatte, weil es mit zahlreichen hebräischen Ausdrücken angereichert war. Dieses mittelhochdeutsche Deutsch sprachen die Ashkenasim in ihrer neuen Heimat, inmitten einer nicht Deutsch sprechenden Umgebung. Das wurde das Jiddisch oder genauer das Ostjiddisch (das im Übrigen unserm Schweizerdeutsch nicht unähnlich ist; manche Juden nennen das Schweizerdeutsch ‘Alpenjiddisch’).

Hier begannen fahrende Musikanten, die Klezmorim, eine säkulare, also nicht für den Gottesdienst bestimmte Musik zu spielen und zogen von Hochzeit zu Hochzeit und von Fest zu Fest, wie sie im jüdischen Jahreslauf zahlreich sind. Weil an ihrer Musik auch die Gojim, die nichtjüdische Bevölkerung, Gefallen fanden und weil die Klezmorim mit den jüdischen Festen allein – auch wenn diese sehr zahlreich waren – nicht immer ausgelastet waren, spielten sie auch bei den Gojim. Und lernten natürlich auch von ihnen. Die Bezeichnung ‘Bulgar’ für eine in der Klezmermusik häufige Gattung (ein schneller 2/4-Takt) bezeugt das schön. Und so ist es selbstverständlich, dass die Klezmermusik viele Eigenheiten und Idiome der Musik aus dem osteuropäisch-orientalischen Kulturraum angenommen hat. Obgleich die Musik der Klezmorim sehr beliebt war, entsprach dem ihr sozialer Status keineswegs. So taten sie sich gerne mit einer ebenso musikalischen und ebenso sozial geächteten Volksgruppe zusammen: den Roma. Und so verwundert es nicht, dass die Gemeinsamkeiten und Verwandtschaften zwischen dem Klezmer und der Musik der Roma besonders augen-, bzw. ohrenfällig sind.

Übrigens tourten schon im 19. Jh. gelegentlich Klezmorim aus dem Osten durch Mitteleuropa. Einer war Michael Joseph Gusikow, ein Musikanten aus Schkow in Russland, der auf einem selbstgebauten hackbrettartigen Instrument, der „Straw-Fiddle“, spielte und nach Europa kam, oft zu Fuss, und überall, wo er auftauchte, die Menschen in Verzückung versetzte und Begeisterungsstürme auslöste. Einmal sass auch Felix Mendelssohn, der grosse romantische Komponist, unter den Zuhörern und war hingerissen: “Er ist ein Phänomen, (…) seit langem hat mir kein Konzert mehr Spass gemacht – der Mann ist ein Genie!”

Weitere Auswanderungswellen besomders Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jhs., ausgelöst durch Armut (die auch nichtjüdische Menschen zur Auswanderung in die ‘Neue Welt’ veranlasste), aber auch durch Schikanen und Verfolgung – dargestellt etwa im Musical ‘Anatevka’ – brachten die Klezmermusik auch nach Übersee und machten New York zu einem grossen Klezmerzentrum. Und dieser kulturelle und musikalische Schmelztigel hinterliess natürlich auch seine Spuren in der Klezmermusik.

Die Shoa brachte indes die Klezmermusik in Europa und besonders Osteuropa zum Verstummen und einige Muskanten in alle Ecken der Welt.

War die Klezmermusik lange Zeit eine Angelegenheit vornehmlich der jüdischen Bevölkerung, erwachte ab den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein grosses Interesse und eine grosse Begeisterung für diese Musik unter Nichtjuden. An diesem Revival in Europa war vor allem ein Musiker beteiligt: Giora Feidman. Aufgewachsen war er in Buenos Aires in einer aus Bessarabien stammenden und nach Argentinien ausgewanderten Familie mit grosser Klezmertradition. Schon als Jugendlicher spielte er mit seinem Vater an zahlreichen Anlässen. Er absolvierte ein klassisches Klarinettenstudium, wurde erst 19 Jahre alt Mitglied des Orchesters des ‘Teatro Colón’, des grossen und renommierten Opernhauses von Buenos Aires. Zwei Jahre später wanderte er nach Israel aus, wurde gleich Mitglied des ‘Israel Philharmonic Orchestra’, dem er bis in die 70er Jahre angehörte. In dieser Zeit befasste er sich ausgiebig mit der jüdischen Musik, bereiste das Land, forschte, recherchierte und spielte diese Musik. Mitte der 70er Jahre übersiedelte er nach New York. 1980(?) engagierte ihn der berühmte deutsche Theaterregisseur für eine Inszenierung des Stückes “Ghetto” von Joshua Sobol, das in Berlin und Hamburg aufgeführt wurde. Giora Feidman überraschte und versetzte das Publikum in Enthusiasmus mit seiner unglaublich expressiven Klarinette. So etwas hatte das deutsche Publikum noch nie gehört. Die Klezmermusik mit ihrer tiefen Sehnsucht und grossen sprühenden Lebensfreude war nach Europa zurückgekehrt. Sie hat sich wie ein Lauffeuer über ganz Europa verbreitet und seither nichts von ihrer Beliebtheit eingebüsst.